Juri Rytchëu wurde 1930 in Uellen, im äußersten Norden der Sowjetunion, als Sohn eines Jägers geboren. In einer alten tschuktschischen Behausung inmitten der alten Bräuche wuchs er auf. Erste Kontakte mit Russen und dem Russischen hatte er durch Seeleute, die hier manchmal anlegten, mit den Wissenschaftlern der Polarstation, dann aber vor allem in der Schule. Nach deren Beendigung arbeitete er als Gelegenheitsarbeiter, absolvierte ein örtliches Lehrerbildungsinstitut und studierte schließlich als offizieller Delegierter des Nationalkreises der Tschuktschen bis 1954 an der Fakultät der Nordvölker in Leningrad. Er lebt dort noch heute mit seiner russischen Frau.
Anfang der fünfziger Jahre erschienen seine ersten Erzählungen in tschuktschischer Sprache, bevor sie - später teils von ihm selber - ins Russische übersetzt wurden. Heute schreibt er seine Prosa auf russisch und übersetzt sie nur noch selten ins Tschuktschische. Während er also sprachlich eine Entwicklung vom Tschuktschischen zum Russischen vollzog, ging er inhaltlich um so mehr in die Geschichte seines Volkes und dessen mündliche überlieferungen zurück. Den Erzählungsbänden Menschen von unserm Gestade (1953), Der Name Mensch (1955) und Tschuktschische Sage (1956) folgte 1958 der erste Teil einer episch angelegten Romantrilogie über die neuzeitliche Geschichte des Tschuktschenvolkes: Zeit der Schneeschmelze. Der zweite (1960) und dritte (1967) Band der Trilogie, die Eskimo-Erzählung Nuniwak (1962), die Romane Im Tal der kleinen Häschen (1962), Die allerschönsten Schiffe (1967), Aiwangu (1964), Traum im Polarnebel (1968), Reif auf der Schwelle (1970) und die Liebesgeschichte Weket und Agnes (1970) zeigen einen Autor, dessen Schaffen sich nach einer Periode relativ naiver Gestaltung der Tschuktschenwirklichkeit komplizierteren Konflikten und vom sozialistischen Realismus beeinflußten kompositorischen Ordnungsprinzipien zuwendet, um dann in der Bearbeitung mündlicher überlieferungen eine Synthese tschuktschischer und russischer, mündlicher und schriftlicher Literatur zu finden: So gestaltete er den Schöpfungsmythos des tschuktschischen Volkes neu (Wenn die Wale fortziehen, 1975) und verfaßte die Tschuktschenlegende Teryky (1980) von einem unglücklichen Jäger, der sich auf einer abdriftenden Eisscholle in ein fellbewachsenes Ungeheuer verwandelt.
Juri Rytchëu lebt in Leningrad, ist aktiv in verschiedenen Organisationen der arktischen Völker und ist Herausgeber des UNESCO-Bandes Die Völker der Arktis erzählen über sich selbst.
Quelle:
Unionsverlag Zürich
Weitere Informationen zum Leben von Juri Rytchëu und seinen Werken finden Sie im Internet unter der Seite
Unionsverlag Zürich.