Innenansichten von Bibliotheken
Abschlußpräsentation der "Sammlung Deutscher Drucke" und des "Handbuchs
der historischen Buchbestände"
Deutschland verfügt nicht über die eine, alles um- und erfassende
Nationalbibliothek wie etwa England, Frankreich oder Rußland. Ein
Pendant zur British Library in London oder zur Bibliothèque nationale in
Paris gab es nie - und wird es wohl auch nicht geben.
Es liegt auf der Hand, was das für jede historische Forschung bedeutet,
zumindest lange Zeit bedeutet hat. Diesem Manko wurde jedoch inzwischen
abgeholfen: durch zwei Großunternehmungen, beide von der
VolkswagenStiftung gefördert und beide fußend auf den Empfehlungen des
Münsteraner Anglisten und Buchwissenschaftlers Professor Bernhard
Fabian. Doch der Reihe nach.
In einer Studie - verfaßt im Laufe eines Akademie-Stipendiums der
Stiftung und 1983 veröffentlicht unter dem programmatischen Titel "Buch,
Bibliothek und geisteswissenschaftliche Forschung" - vertrat Fabian die
Idee einer dezentralen, "verteilten Nationalbibliothek". An
verschiedenen Stellen im Bundesgebiet sollten die Druckwerke
chronologisch segmentiert gesammelt werden. Diese Idee wird 1989 mit der
Gründung der "Arbeitsgemeinschaft Sammlung Deutscher Drucke"
Wirklichkeit. Insgesamt 25 Millionen Mark Startförderung hat die
VolkswagenStiftung diesem Vorhaben zur Verfügung gestellt, das jetzt in
Eigeninitiative der sechs beteiligten Bibliotheken in München,
Wolfenbüttel, Göttingen, Frankfurt am Main, Berlin und Leipzig
fortgeführt wird. Jede der genannten Bibliotheken übernahm und verfolgt
nunmehr die Betreuung einer bestimmten Epoche zwischen 1450 und 1912,
nutzt also die Mittel, ihre jeweils reichhaltigen Bestände zu den
einzelnen Sammelgebieten für den festgelegten Zeitraum zu
vervollständigen. So leitet den Wissenschaftler das Erscheinungsjahr von
Büchners Komödie "Leonce und Lena" auf die Internetseite der Stadt- und
Universitätsbibliothek Frankfurt/Main, die die Bucherscheinungen von
1801 bis 1870 sammelt.
Abhilfe auf anderem Gebiet schafft das "Handbuch der historischen
Buchbestände" - erstellt unter der Leitung von Professor Fabian selbst
und von der Stiftung mit rund elf Millionen Mark gefördert. In 47 Bänden
erschließt es das deutschsprachige Schrifttum vom Beginn des Buchdrucks
bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts in einer Vielzahl von Staaten und
Regionen. Es ist allerdings kein Katalog, dessen Inventarabsicht sich
auf einzelne Bücher richtet, sondern ein Wegweiser zu den
Bestandskomplexen in den einzelnen Bibliotheken. Das Handbuch sagt dem
Benutzer also, wo er Bestände bestimmter Sachgebiete in welcher
Größenordnung findet. Als weitreichendes Inventar listet es dabei neben
Büchern auch Zeitschriften, Zeitungen, Musikdrucke, Karten und
"beiläufiges" Schrifttum; nicht jedoch Handschriften. Mit seiner
regionalen Gliederung paßt sich das Handbuch der starken Streuung
älterer Buchbestände an und läßt zugleich die kulturellen Physiognomien
der einzelnen Regionen sichtbar werden - auch als Anreiz für den
Forscher und dessen künftige Forschungsabsichten.
So wird der interessierte Wissenschaftler bei dem beispielhaft gewählten
Stichwort "Büchner" - 5 HES Darmstadt 1 HLB 5.4 - über das Register für
die Bestände in Deutschland in die Hessische Landes- und
Hochschulbibliothek geleitet, die auch das Büchner-Archiv beherbergt.
Das "Handbuch" erläutert dann aber nicht nur die Bestandsgeschichte der
Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek, entstanden aus den erstmals
im Jahre 1375 erwähnten Büchern des Darmstädter Schlosses, sondern gibt
auch eine Beschreibung der gesamten Bestände, der vorhandenen Kataloge,
Archivalien und Veröffentlichungen zu den Beständen. Und es vergißt
auch nicht, dem Büchersuchenden Hinweise für die Anreise zu geben sowie
die Öffnungszeiten der Bibliothek mitzuteilen. Eine Art "Bücherdetektor"
ist entstanden. Band 5 zu Hessen ist hier nicht zufällig genannt, wurde
er doch 1992 als erster des "Handbuchs" veröffentlicht.
Inzwischen, fast ein Jahrzehnt später und mit einer Abschlußfeier Ende
2001 gebührend gefeiert, liegt nun auch der letzte der insgesamt 47
Bände vor. Die Buchbestände vom Beginn des Buchdrucks bis zum Ausgang
des 19. Jahrhunderts werden darin, wie schon erwähnt, regional
unterteilt erschlossen: dabei im "Handbuch der historischen Buchbestände
in Deutschland" nach Bundesländern (Band 1 bis 27, erschienen von 1992
bis 2000), im "Handbuch der historischen Buchbestände in Österreich"
nach Bibliotheken in Wien oder außerhalb (Band 1 bis 4, erschienen
zwischen 1994 und 1997), im "Handbuch deutscher historischer
Buchbestände in Europa" nach den einzelnen Ländern (Band 1 bis 12,
veröffentlicht von 1997 bis 2001).
Hier, im europäischen Handbuch, liegt ein gewisser Schwerpunkt auf den
Ländern und deren Bibliotheken, die auf Grund der Historie und der
kulturellen Verflechtungen über bedeutende deutsche Buchbestände
verfügen und die im halben Jahrhundert der Teilung Europas den
westlichen Wissenschaftlern kaum zugänglich waren. Die 400 000 Bücher
und Schriften deutscher Provenienz in der Russischen Nationalbibliothek
in Sankt Petersburg sind da ebenso zu nennen wie etwa die Bestände in
den rund 150 Schloßbibliotheken der Tschechischen Republik, denen sogar
ein eigener Band gewidmet ist. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg wurden
die Bibliotheken der Adeligen in der "Tschechoslowakei" zwar
konfisziert, nicht jedoch wie andernorts zerschlagen und als
Kristallisationspunkte der Kultur zerstört. Daß diese Struktur erhalten
blieb, muß heute als Dokument einer sonst nicht mehr existierenden
Buchkultur verstanden werden.
Insgesamt werden im "Handbuch" 1500 Bibliotheken in Deutschland mit
ihren Buchbeständen kartografiert, 300 sind es in Österreich, über 600
in den Europa-Bänden. Eine kulturelle Großtat. Umso erstaunlicher
erscheint es, daß die Organisation dieses Mammutunternehmens letztlich
in den Händen eines einzelnen Wissenschaftlers lag. Der Anglist Fabian,
von 1962 bis zu seiner Emeritierung 1995 Direktor des Englischen
Seminars in Münster, hatte selbst bei Recherchen über den englischen
Kultureinfluß auf das Deutschland des 18. Jahrhunderts am eigenen Leibe
erfahren müssen, daß die Frage nach Literatur aus einem bestimmten
Sachgebiet zu einer Epoche in den meisten Bibliotheken schiere
Ratlosigkeit hervorruft. Mit dem Handbuch wollte er - wie er einmal
sagte - "Innenansichten von Bibliotheken" liefern. Es ist ihm gelungen.
Natürlich läßt sich solch ein Großunternehmen nicht ganz allein
bewältigen. In konzentrischen Kreisen gruppierten sich die Mitarbeiter
des Mammutprojekts um eine steuernde Mitte. Dort, in der
Zentralredaktion des Handbuchs in Münster, konnte Bernhard Fabian auf
Dr. Karen Kloth bauen, die das Projekt die ganzen langen Jahre hindurch
mitbetreute. Ihre Unterstützung bezeichnet er selbst als eine, wenn
nicht gar die wesentliche Voraussetzung für die Schnelligkeit, mit der
das Handbuch wuchs. Im nächsten Kreis dann finden sich die Leiter der
verschiedenen regionalen und nationalen Redaktionen, wobei seinerzeit
Professorin Friedhilde Krause als Generaldirektorin der Deutschen
Staatsbibliothek im damaligen Ostberlin eine bedeutende Vermittlerrolle
für die DDR sowie für die Länder Mittel- und Osteuropas zukam. Den
äußersten Ring um Fabian bildeten die mehr als 1600 "Beiträger", die
anhand einer Liste von einzuholenden Angaben "ihre" Bibliothek
erfaßten. Sie sind am Ende jedes Bandes namentlich aufgeführt.
Die Retrospektive verdeutlicht noch einmal die Dimension: im Jahr 1983
entstanden Idee und Konzept, 1984 erfolgte die erste Bewilligung durch
die VolkswagenStiftung, 1992 erschien der erste und im Jahr 2001 der
letzte Band - das "Handbuch der historischen Buchbestände" hat selbst
eine Geschichte. Auch eine bewegte, wurde doch zum Beispiel die
Erfassung der Buchbestände in den neuen Bundesländern noch zu DDR-Zeiten
geplant. Als Gegenüber fungierte das Ministerium für Hoch- und
Fachschulwesen der DDR, das dem Vorhaben zwei Monate vor dem Fall der
Mauer offiziell zustimmte. Mit der Wende dann wurde das Bibliothekswesen
in den neuen Bundesländern neu strukturiert - und das Unternehmen war
plötzlich wieder von innen heraus gefährdet. Doch auch diese Klippe
konnte mit vereinten Kräften umschifft werden. Und noch einmal schien
die Geschichte das Vorhaben in Teilen zu gefährden: Mitten in die
Erarbeitung der Bände für die Tschechoslowakei brach dieser künstlich
geschaffene Staat auseinander, und es erforderte sensible Verhandlungen
mit der tschechischen wie der slowakischen Seite, damit die Arbeiten
doch noch beendet werden konnten. Mit einer Präsentation der Bände in
beiden Staaten im vergangenen Jahr im Beisein politischer und
wissenschaftlicher Prominenz fand auch dieser Teil seinen erfolgreichen
Abschluß.
Wie in Tschechien und der Slowakei wurde nahezu jeder der 47 Bände in
seinem Land oder Bundesland offiziell der Öffentlichkeit übergeben, eine
große Abschlußveranstaltung fand Ende vergangenen Jahres in Hannover
statt. Das war der Schlußpunkt einer fast zwei Jahrzehnte andauernden
Förderung durch die VolkswagenStiftung. Davor stand jede Menge Papier.
Alles in allem wuchsen in den vergangenen 18 Jahren die Meter an
Aktenordnern, gefüllt mit Korrespondenz und Arbeitsmaterialien. Bernhard
Fabian schätzt, daß etwa 15 bis 20 Ordner pro Band anfielen. Von diesen
Dokumenten der eigenen Geschichte des Handbuchs werden im Buch- und
Schriftmuseum der Deutschen Bücherei in Leipzig nur einige Beispiele
aufbewahrt, zusammen mit einem Exemplar der elektronisch gespeicherten
Texte des "Handbuchs der historischen Buchbestände".
Die kulturellen Grenzen somit, zu Beginn beschrieben, sind unbestreitbar
ein Stück gewichen. Man mag sich in seinem Urteil der neuesten Ausgabe
des Standardwerks "Das Bibliothekswesen der Bundesrepublik Deutschland"
anschließen, das den Nutzen des Handbuchs der historischen Buchbestände
wie folgt beschreibt: "Der Gewinn, den dieses 'Inventar' abwirft, (wird)
langfristig sehr groß sein. Bestände und Bestandsgruppen werden als
Individualitäten in der geistigen Überlieferung sichtbar, verschlungene
Traditionsgänge und Verbindungslinien des intellektuellen und
literarischen Austauschs erkennbar. Der große Bestandteil an älterer
Literatur ... läßt den Schatz ahnen, der zur geistigen Bereicherung
einer jeden Epoche immer von neuem gehoben werden kann."
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Kontakt: Prof. Dr. Bernhard Fabian, Telefon: 0 25 01/54 92
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Kontakt VolkswagenStiftung, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Christian
Jung, Telefon: 05 11/83 81-380, e-mail: jung@volkswagenstiftung.de
(Quelle: Informationsdienst Wissenschaft (idw) - Pressemitteilung VolkswagenStiftung, 12.12.2001)
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