Warschau/Krakau (dpa - 11.09.2001) - Schon seit Jahren hat der polnische
Schriftsteller Stanislaw Lem keinen Roman mehr verfaßt, doch sein
Ruf als Klassiker der Science-Fiction bleibt davon unangetastet. Am
12. September wurde der in Krakau (Krakow) lebende Autor
80 Jahre alt. Die Zukunft, über die er seit den 50er Jahren
schreibt, scheint ihn längst eingeholt zu haben, denn vieles, was
sich der «Solaris»-Autor in seinen Werken ausdachte, ist mittlerweile
Wirklichkeit geworden, vom Internet über die Genforschung bis hin
zur «künstlichen Intelligenz».
Eigentlich sollte der im damals ostpolnischen, heute ukrainischen
Lwow (Lemberg) geborene Lem die Familientradition fortsetzen und
Arzt werden. Sein Medizinstudium wurde jedoch vom Zweiten Weltkrieg
unterbrochen, als die Nazis nach dem Einfall in Polen die
Hochschulen schlossen. Lem, der mit gefälschten Papieren seine
jüdische Herkunft verschleiern konnte, schlug sich als
Automechaniker durch. Nach dem Krieg nahm er das Medizinstudium zwar
wieder auf und arbeitete auch für kurze Zeit als Arzt, doch schon
seit Beginn der 50er Jahre war Lem freier Schriftsteller.
In Deutschland, wo der Autor außerhalb Polens seine meisten Leser
hat, gilt er auch als Philosoph und Zukunftsvisionär. In seiner
Heimat schätzen die Leser besonders den zuweilen grotesken Humor,
der vor allem in den frühen Werken Lems eine Flucht vor der Realität
darstellt. «Die meisten meiner Bücher wurden während des Kommunismus
geschrieben, und ich mußte mich mit der Zensur auseinandersetzen»,
sagte Lem einmal in einem Interview mit einer polnischen
Literaturzeitschrift. Er habe versucht, die Absurdität von
Totalitarismen darzustellen.
«Das ist der Grund dafür, daß meine Helden auf dem Weg zur
Verbesserung der Welt oft versagen», erläuterte Lem. Dennoch habe in
seinen frühen Werken der optimistische Glaube an die Fähigkeiten des
Menschen dominiert. Inzwischen ist an die Stelle des einstigen
Fortschrittglaubens Skepsis getreten. «Ich habe nicht vorhergesehen,
daß die Wissenschaft fast vollständig dem Kommerz untergeordnet
wird», räumte Lem einmal ein. Die meisten Gelehrten arbeiteten nicht
aus dem Gefühl der Berufung heraus, sondern mit dem Ziel des
Nobelpreises, und am besten würden Forschungen zu neuen Waffen
bezahlt.
«Der Mensch ist ein Affe, dem es gelingt, das schärfste
Rasiermesser zu schaffen, um einem anderen Affen die Kehle
durchzuschneiden», zog der Autor Bilanz. Eine derart düstere
Stimmung soll während der «Cybernauten-Party», die die Krakauer
Literarische Gesellschaft für Lem plant, allerdings vermieden
werden. Örtliche Medien und Science-Ficiton-Fans haben zudem bereits
ein «außerirdisches» Fußballspiel zu Ehren des Autors und einen
«galaktischen Filmmarathon» mit den Verfilmungen von seinen Werken
angekündigt.
(Quelle: www.justbooks.de)
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