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Der Nobelpreis in Literatur
des Jahres 2001
V(idiadhar) S(urajprasad) Naipaul


V.S. Naipaul Den Literaturnobelpreis des Jahres 2001 erhält der in Trinidad geborene, britische Schriftsteller V.S. Naipaul

«für seine Werke, die hellhöriges Erzählen und unbestechliches Beobachten vereinen, und uns zwingen, die Gegenwart verdrängter Geschichte zu sehen».

V.S. Naipaul ist ein literarischer Weltenumsegler, eigentlich nur bei sich selbst zu Hause, in seinem unnachahmlichen Ton. Seltsam unbeeinflußt von der literarischen Zeitmode und Vorbildern, hat er die existierenden Genres umgeformt zu einer eigenen Schreibweise, in der die herkömmlichen Abgrenzungen zwischen Fiktion und Sachprosa eine untergeordnete Bedeutung haben.

Naipauls literarisches Territorium streckt sich weit hinaus über die westindische Insel Trinidad, sein erstes Thema, und umfaßt Indien, Afrika, Amerika vom Süden bis zum Norden, die islamischen Länder in Asien und nicht zuletzt England. Naipaul ist in moralischer Hinsicht Conrads Erbe als Schilderer der Geschicke der Imperien: was sie mit den Menschen machen. Seine Autorität als Erzähler stützt sich darauf, daß er sich an das erinnert, was andere vergessen haben, die Geschichte der Verlierer.

Die possenhaften Geschichten in seinem Debutbuch «The Mystic Masseur» und die Novellen in «Miguel Street» mit ihrer Kreuzung aus Tschechow und Calypso etablierten Naipaul als Humorist und Schilderer des Volkslebens. Von da an bis zum «A House for Mr. Biswas» ist es ein großer Schritt, einem der seltenen Romane, die ein eigenes und vollständiges Universum zu sein scheinen, in diesem Fall ein Miniaturindien an der Peripherie des englischen Imperiums, ein Schauplatz des unterdrückten Lebens seines Vaters. Indem er die im Abseits stehenden am Ernst der großen Literatur teilhaben läßt, wendet Naipaul die herkömmliche Perspektive und raubt den Lesern im Zentrum die schützende Distanz. Dieses Prinzip wurde in einer Reihe von Romanen verwendet, die immer mehr Reportagen glichen, ohne daß deswegen die Charaktere verblichen. Fiktive Erzählungen, Selbstbiographien und authentische Berichte sind unter Naipauls Feder zusammengeflossen, ohne jedesmal sagen zu können, welches Element das dominierende ist.

Im Meisterwerk «The Enigma of Arrival» ist Naipaul wie ein Anthropologe, der einen nicht erforschten Eingeborenenstamm im Urwald besucht, zu Gast in der englischen Wirklichkeit. Mit scheinbar knappen und zufälligen Beobachtungen formt er unerbittlich das Bild eines stillen Kollapses der alten kolonialen Herrscherkultur und des Todes der europäischen lokalen Gesellschaft.

Naipaul hat auf die mangelhafte Allgemeingültigkeit der Romanform hingewiesen, daß sie eine intakte menschliche Welt solcher Art voraussetzt, die in den eroberten Ländern zerstört wurde. Die Unzulänglichkeit der Fiktion wurde ihm bewußt während er mit «The Loss of El Dorado» arbeitete und nach umfassenden Archivstudien die furchtbare Kolonialgeschichte Trinidads berichtete. Er sah ein, daß er an der Authentizität der Details und Stimmen festhalten und auf das Fabulieren verzichten und gleichzeitig seinem Stoff eine literarische Gestaltung geben mußte. In seinen Reiseberichten läßt er mit jedem Schritt Zeugen hervortreten, besonders ausgeprägt in seiner mächtigen Schilderung der östlichen Teile der islamischen Welt, «Beyond Belief». Das Mitgefühl des Autors drückt sich in der Intensität seines Zuhörens aus.

Naipaul ist ein neuzeitiger Aufklärungsschriftsteller. Er führt die Tradition weiter, die einmal mit Lettres persanes und Candide begann. Mit einem hellwachen Stil, der zurecht bewundert wird, verwandelt er Zorn in Genauigkeit und läßt die Ereignisse mit der ihr eigenen Ironie zu Wort kommen.

(Copyright © Die Schwedische Akademie - Pressemitteilung 11. Oktober 2001)
(Copyright © der Photos: Hans Mehlin, Nobel e-Museum)




Biobibliographische Notiz

Der in Trinidad geborene, britische Schriftsteller
V(idiadhar) S(urajprasad) Naipaul wurde 1932 in Chaguanas in der Nähe von Port of Spain auf Trinidad geboren. Seine Familie sind Nachfahren Einwanderer aus dem nördlichen Indien. Der Großvater war Zurckerrohrarbeiter, der Vater Journalist und Schriftsteller. Im Alter von 18 Jahren begab sich Naipaul nach England, wo er an der University College in Oxford nach Beendigung seiner Studien 1953 Bachelor of Arts wurde. Seitdem ist er wohnhaft in England (seit den 70er Jahren in Wiltshire, in der Nähe von Stonehenge), hat aber auch viel Zeit mit Reisen nach Asien, Afrika und Amerika verbracht. Abgesehen von einigen Jahren Mitte der fünfziger, als er als freier Mitarbeiter für die BBC tätig war, hat er sich voll und ganz der schriftstellerischen Arbeit gewidmet.

Naipauls Produktion besteht zu größten Teilen aus Romanen und Novellen, aber auch aus einigen dokumentarischen Schilderungen. Er ist ein ausgesprochen kosmopolitischer Autor, was, wie er selbst meint, mit seiner Wurzellosigkeit zusammenhängt: die kulturelle und geistige Armut auf Trinidad bedrückt ihn zutiefst, er hat ein distanziertes Verhältnis zu Indien, und gleichzeitig fällt es ihm schwer, Zusammengehörigkeit mit den traditionellen Werten in der ehemaligen Kolonialmacht England zu empfinden und auf sie Bezug zu nehmen.

Die Handlung in den frühesten Büchern spielt in Westindien. Einige Jahre nach seinem Debut mit «Der mystische Masseur» (The Mystic Masseur, 1957) folgte eines seiner – wie viele meinen – bedeutendsten Werke: der biographische Roman «Ein Haus für Mr. Biswas» (A House for Mr. Biswas, 1961), in dem der Vater des Autors das Vorbild für die Hauptperson ist.

Nach dem großen Erfolg mit «Ein Haus für Mr. Biswas» weiten sich die geographischen und sozialen Perspektiven in Naipauls schriftstellerischer Tätigkeit, und er schildert mit immer größerem Pessimismus die Schadwirkungen des Kolonialismus und neuen Nationalismus in der dritten Welt, beispielsweise in «Guerillas» (Guerrilas, 1975) und «An der Biegung des großen Flußes» (A Bend in the River, 1979), letztere eine Afrikaschilderung, die mit Joseph Conrads Herz der Finsternis verglichen wird.

Naipaul hat in seinen Reiseschilderungen und Reportagebüchern Eindrücke von Indien, dem Heimatland seiner Vorfahren, beschrieben, wie in «Indien : Ein Land im Aufruhr» (India : A Million Mutinies Now, 1991), er hat aber auch den muslimischen Fundamentalismus in nichtarabischen Ländern wie Indonesien, Iran, Malaysia und Pakistan kritisch beleuchtet, etwa in «Eine islamische Reise : Unter den Gläubigen» (Among the Believers, 1981) und in «Beyond Belief», 1998.

Die Romane «Das Rätsel der Ankunft» (The Enigma of Arrival, 1987) und «Ein Weg in der Welt» (A Way in the World, 1994) sind weitgehend autobiographisch. In «Das Rätsel der Ankunft» wird geschildert, wie ein Landbesitz in Südengland und sein Eigentümer, der früher in den Kolonien tätig war und von einer Degenerationskrankheit heimgesucht wird, langsam verfallen und schließlich untergehen. «Ein Weg in der Welt», ein Mittelding zwischen Fiktion, Memoiren und historischer Darstellung, besteht aus neun freistehenden, jedoch thematisch zusammengehörenden Erzählungen, in denen karibische und indische Tradition mit der Kultur verwoben wird, mit der der Autor konfrontiert wurde, als er im Alter von 18 Jahren nach England kam.

V.S. Naipaul hat eine Vielzahl von Literatur-Preisen erhalten, u.a. den Bookerpreis 1971 und T.S. Eliot Award for Creative Writing 1986. Er ist Ehrendoktor des St. Andrew's College und der Columbia University sowie der Universitäten in Cambridge, London und Oxford. Im Jahre 1990 wurde er von Königin Elizabeth geadelt.

Werke von V.S. Naipaul auf deutsch:
  • Blaue Karren im Calypsoland. Übers. Janheinz Jahn. Herrenalb: Erdmann, 1966.
  • Sag mir, wer mein Feind ist. Übers. Ursula von Zedlich zu Hohenlohe. Unterägeri/Zug: Edition Sven Erik Bergh, 1973.
  • Guerillas. Übers. Ursula von Zedlich zu Hohenlohe. Unterägeri/Zug: Edition Sven Erik Bergh, 1976.
  • Indien : eine verwundete Kultur. Übers. Susanne Lepsius. Unterägeri/Zug: Edition Sven Erik Bergh, 1978.
  • An der Biegung des grossen Flusses. Übers. Karin Graf. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1980.
  • Ein Haus für Mr. Biswas. Übers. Karin Graf. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1981.
  • Eine islamische Reise : unter den Gläubigen. Übers. Karin Graf. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1982.
  • Der mystische Masseur. Übers. Karin Graf. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1984.
  • Indien : ein Land im Aufruhr. Übers. Karin Graf. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1992.
  • Das Rätsel der Ankunft. Übers. Karin Graf. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1993.
  • Ein Weg in der Welt. Übers. Dirk van Gunsteren. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1995.
  • Auf der Sklavenroute : meine Reise nach Westindien. Übers. Nikolaus Stingl. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1999.
Ergänzung: Neuauflagen erscheinen ab 2001 bei dtv München.


Literatur:
  • Bondy, François, V.S. Naipaul : der west-östliche Inder. Schweizer Monatshefte 1979:8.
  • Ortlepp, Gunar, Die Dritte Welt der Heimatlosen. Der Spiegel 1.6.1981. S. 177–182.
  • Barloewen, Constantin von, Auf der Suche nach Metropolis : zur Kulturphilosophie V.S. Naipauls. Neue Rundschau 1982:4. S. 124–144.
  • Cramer, Sibylle, Geschichten von Niemandslandleuten : V.S. Naipaul, der große Westinder der englischen Literatur. Die Zeit 12.11.1982.
  • Ebel, Claudia, Der entwurzelte Hindu : eine Untersuchung zum postkolonialen Kulturkonflikt in V.S. Naipauls Trinidadromanen. Frankfurt/M.: Lang, 1988.
  • Heller, Zoë, Die Angst vor Auslöschung (Interview). Frankfurter Rundschau 14.8.1993.
  • Isenschmid, Andreas, Im Wendekreis des Nebels. Die Zeit 11.3.1994.
  • Klier, Walter, Alle Leute waren dunkler. Frankfurter Allgemeine Zeitung 10.10.1995.
  • Heinrichs, Hans-Jürgen, Die Fremde als Roman. Die Zeit 13.10.1995.
  • Kreimeier, Klaus, Tropisch überwuchertes Pompeji. Frankfurter Rundschau 21.10.1995.
  • Levy, Judith, V.S. Naipaul : displacement and autobiography. New York: Garland, 1995.
  • Wicht, Wolfgang, Die kulturelle Kreuzung von Karibik und Metropole. In: Hermann Herlinghaus / Utz Riese (Hg.): Sprünge im Spiegel : postkoloniale Aporien der Moderne in beiden Amerika. Bonn: Bouvier, 1997. S. 208–245.
  • Conversations with V.S. Naipaul. Ed. Feroza Jussawalla. Jackson: Univ. Press of Mississippi, 1997.
  • Theroux, Paul, Sir Vidia's shadow : a friendship across five continents. Boston: Houghton Mifflin, 1998.


(Copyright © Die Schwedische Akademie - Pressemitteilung 11. Oktober 2001)


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