Immer mehr Sprachen sind vom Aussterben bedroht. Die dramatische
Entwicklung beginnt zum Beispiel damit, daß in einem Dorf der erste
Fernseher aufgestellt wird. Oder mit dem Bau einer Autobahn, die die
bislang abgelegene Siedlung plötzlich mit der nächsten Großstadt
Hunderte von Kilometern entfernt verbindet. Spätestens mit der
Einbindung in größere Kommunikationskreise setzt heutzutage die
Bedrohung einer "kleinen" Sprache ein.
Rund zwei Drittel der derzeit weltweit gesprochenen 6500 Sprachen laufen
Gefahr, in den nächsten ein bis zwei Generationen auszusterben. Die
Sprache sinkt zunächst zur "Haussprache" hinab, wird dann von den Eltern
nicht mehr an die Kinder weitergegeben - und schließlich tragen bei
traditionellen Festen nur noch die Alten ihre Gesänge und Geschichten
vor, die von der Gemeinschaft nicht mehr verstanden werden. Das Programm
"Dokumentation bedrohter Sprachen", in dem die VolkswagenStiftung
zwischenzeitlich erste Bewilligungen in Höhe von rund 3,5 Millionen Mark
ausgesprochen hat, kann diese Entwicklung im Zuge der "kulturellen
Globalisierung" natürlich nicht aufhalten. Es kann und soll jedoch
versucht werden, die Zeugnisse dieser meist nur mündlich vermittelten
Sprachkulturen vor ihrem spurlosen Verschwinden in einem elektronischen
Archiv für bedrohte Sprachen aufzeichnen zu lassen: mit Tonband,
Videokamera, Fotoapparat und Notizblock.
Die Fäden - insbesondere in technischer und archivarischer Hinsicht -
der bewilligten und künftigen Vorhaben in dem Programm laufen zusammen
im Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im holländischen Nijmegen.
Wissenschaftler dort beraten beim Kauf von Geräten, stellen Tools bereit
für die elektronische Aufarbeitung der Video-, Audio- und Textdaten und
sorgen für die dauerhafte Aufbewahrung der Aufnahmen in einem virtuellen
Archiv für bedrohte Sprachen. Allein diesem zentralen Vorhaben mit dem
Titel "TIDEL - Tools and Infrastructure for the Documentation of
Endangered Languages" stellte die Stiftung über zwei Millionen Mark zur
Verfügung.
Bei der Auswahl der einzelnen zu dokumentierenden Sprachen war es in der
Startphase des Programms das Ziel, möglichst alle Regionen der Welt zu
berücksichtigen, die sich durch eine große Sprachenvielfalt auszeichnen.
So wird im südlichen Zentralsibirien mit dem Tofa eine Sprache
dokumentiert, die nur noch rund 300 Menschen in einer kargen
Hochgebirgsregion sprechen. Seitdem diese Bevölkerungsgruppe in den
dreißiger Jahren unter Stalin zur Seßhaftigkeit gezwungen wurde, gingen
Sprachverschiebung, kultureller Verlust und Russifizierung Hand in Hand.
Aufgezeichnet und bearbeitet werden nicht nur Erzählungen und Gespräche,
sondern zum Beispiel auch Gesänge, mit denen dieses Hirtenvolk seine
Rentiere beruhigt.
Zur Dokumentation des Salar und des Monguor aus dem "Sprachbund" des
Amdo-Tibet-Gebietes kooperieren chinesische Wissenschaftler mit Kollegen
in Mainz und Kansas. Beide Sprachen, obwohl rein zahlenmäßig noch von
ein paar Tausenden gesprochen, werden vom Chinesischen beziehungsweise
Tibetanischen verdrängt, sodaß sich echte Sprachkompetenz nur noch bei
den Frauen der älteren und ältesten Generation findet.
Aus den
zahlreichen sehr bedrohten Sprachen Afrikas - der Schwarze Kontinent hat
linguistisch gesehen große weiße Flecken - wird in der Pilotphase des
Programms das Ega dokumentiert. Gesprochen wird es an der
Elfenbeinküste, und zwar von ein paar hundert Menschen in einer Art
linguistischer Enklave: Denn das Ega gehört zu den sogenannten
Kwa-Sprachen, die inmitten eines Gebietes von Kru-Sprachen gesprochen
werden. Daß Heiraten hier nicht innerhalb des Stammes üblich ist,
verstärkt noch die Bedrohung der Sprache.
Je reicher eine Region an Sprachen ist, desto größer ist die Gefahr,
daß einzelne aussterben. Diese Regel gilt auch für die linguistisch
sehr interessante Region Papua-Neuguineas, wo sich immer mehr
Pidginsprachen gegen die vielen kleinen Sprachen durchsetzen.
Zielsprache dieser Region ist zunächst das Teop, das auf der Insel
Bougainville gesprochen wird - oder besser: bald nur noch gesprochen
wurde. Denn speziell in zweisprachigen Familien wird das Teop nicht mehr
den Kindern weitergegeben. Noch weiter fortgeschritten ist der
Sterbeprozeß bei der Indianersprache Wichita in Nordamerika, die heute
nur noch von zehn älteren Männern gesprochen wird. Wichita ist
linguistisch bemerkenswert, da es sich um eine polysynthetische Sprache
handelt, die syntaktische wie semantische Zusammenhänge durch Flexionen
des Verbs ausdrückt. Andere Wortklassen, etwa Präpositionen, gibt es so
gut wie nicht. Für die weite Region Südamerikas bewilligte die Stiftung
einen Kooperationsverbund zur Dokumentation der drei brasilianischen
Indianersprachen Aweti, Trumai und Kuikuro. Diese drei Sprachen, die von
unterschiedlichen Sprachfamilien abstammen, werden heute quasi
"nebeneinander" im Reservat Parque Indigeno do Xingu gesprochen. Doch so
wenig sie miteinander verwandt sind, so sehr haben sich die kulturellen
Ausprägungen der drei Sprachgemeinschaften angeglichen.
Inzwischen ist die Hauptphase des Programms angelaufen. Im März 2002 -
wir informieren Sie zeitnah - wird die Stiftung dazu Entscheidungen
fällen. Weitere bedrohte Sprachen werden dann dokumentiert und so für
das "kulturelle Gedächtnis der Welt" bewahrt. Ein neues Archiv ist im
Entstehen, und wer Interesse hat, kann den Aufbau verfolgen: unter
www.mpi.nl/DOBES
Kontakt VolkswagenStiftung, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Christian
Jung, Tel.: 0511/8381-380, e-mail: jung@volkswagenstiftung.de
Kontakt Förderinitiative VolkswagenStiftung, Dr. Vera Szöllösi-Brenig,
Tel.: 0511/8381-218, e-mail: szoelloesi@volkswagenstiftung.de
(Quelle: Informationsdienst Wissenschaft (idw) - Pressemitteilung VolkswagenStiftung, 13.09.2001)